Kommunaler Nahverkehr

Tarifkampagne TV-N 2020

Tarifkampagne TV-N 2020

Tarifkampagne TV-N 2020 - Um was gehts? Wann gehts los?

Auszug aus dem SSB BR-Blättle:

Was ist die Grundlage für bundesweit zeitgleiche Verhandlungen aller TV-N Länder?
Grundstein ist ein Beschluss des Bundesfachgruppenvorstands Busse und Bahnen (BFGV), dass bundesweit kein TV-Nahverkehr Manteltarifvertrag über den 30. Juni 2020 hinaus abgeschlossen werden darf.

Wer verhandelt?
Jedes Bundesland hat die Manteltarifverträge Nahverkehr - mit den unterschiedlichsten Regelungen - bisher selbst und autonom verhandelt.

2011 hatten wir das in Baden-Württemberg im Rahmen eines zweieinhalbwöchigen Arbeitskampfes erfolgreich praktiziert und viele Verbesserungen erreicht. Verhandlungspartner sind die Kommunalen Arbeitgeberverbände der jeweiligen Länder und die zuständigen Landes-Tarifkommissionen von ver.di.

Abenteuerliche Gerüchte, dass es einen einheitlichen bundesweiten Manteltarifvertrag geben soll, werden durch den Flurfunk transportiert. Keine Angst, wir bleiben im Land weiter autonom.

Ver.di (wir) möchte jetzt erstmals bundesweit zeitgleich arbeitskampffähig sein und mit gemeinsamen Aktionen mehr erreichen - ein medial stark wirksames Großereignis.

Unsere Arbeitgeber werden hocherfreut sein. Endlich haben Sie die Chance das Ungleichgewicht zwischen Vergütung und abverlangter Arbeitsleistung zu beseitigen. Die Arbeitgeberkonkurrenz in der Metropolregion Stuttgart ist sehr stark, zahlt hohe Löhne und bietet gute Manteltarifverträge.

Unter diesen Rahmenbedingungen wird es nicht nur schwieriger neue Kräfte zu gewinnen, gute und vor allem junge Mitarbeiter*innen sind wechselfreudiger geworden. Die Bindung zum Betrieb wird immer schwächer. Und nein - es sind nicht nur die „Hochqualifizierten“, sondern auch Kutscher*innen,  Schrauber*innen und Sachbearbeiter in Verwaltungstätigkeiten. 

Einzelne bundesweite gemeinsame Forderungen können wir uns in diesem Rahmen dieser Tarifrunde sehr gut vorstellen. Dazu wird eine - aus allen beteiligten Ländern bestehende Bundestarifkommission Nahverkehr ins Leben gerufen. Diese ver.di-Tarifkommission besteht aus 25 Personen. Baden-Württemberg kann zwei Mandate besetzen.

Bundesweite Forderungen? Was kann das sein?
Da jedes Bundesland weiterhin autonom verhandelt und die Manteltarifverträge sehr unterschiedlich sind, können nur wenige weitreichende Punkte verhandelt werden, auf die man sich bundesweit verständigen muss, alles andere bleibt den Landestarifkommissionen vorbehalten.

Schon viele Jahre streiten wir beispielsweise um unzumutbare unbezahlte Wegezeiten, die in der Freizeit zurückgelegt werden müssen. Ein Großteil davon soll jetzt zur lange überfälligen Entlastung in die Dienste integriert werden. Am Ende bleibt es aber trotzdem eine betriebliche Vereinbarung, die stets kündbar ist.

Sicher wäre eine tarifvertragliche Regelung.  Arbeitsplatz wäre dann nicht mehr das Fahrzeug - sondern der jeweils zugewiesene Betriebshof. Alle Wege müssten ohne Diskussion in die Dienste eingearbeitet werden. Wäre das nicht gut und durchsetzungsfähig?

Zuschläge werden aktuell nach der jeweiligen Stufe 1 berechnet. Logisch und korrekt wäre eine Berechnung auf Grundlage der jeweiligen Stufe der entsprechenden Entgeltgruppe. Für alle Beschäftigten mit Zuschlägen wäre das ein monetärer Gewinn.

Immer mehr Branchen und sogar einige Nahverkehrsbetriebe haben Vorteilsregelung für Verdi-Mitglieder ausgehandelt. Extrageld-/ oder Zeit für die Beitragszahler der verhandelnden Gewerkschaft ver.di könnte den Organisationsgrad - und damit die Durchsetzungsfähigkeit - drastisch erhöhen. Belohnen würde man endlich diejenigen, die ver.di treu sind und sich aktiv an Arbeitskämpfen beteiligen. Schließlich sorgen diese Ver.dianer für mehr Geld und bessere Rahmenbedingungen für alle.

An alle Fahrer*innen:
Ihr arbeitet 365 Tage im Jahr rund um die Uhr jeden Tag anders. Belastender geht nicht. Das wird aber nicht als Schicht-/oder Wechselschichtarbeit anerkannt -  kein normal denkender Mensch kann das verstehen. Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit? Eine klare Forderung von Euch könnte sein: „Erkennt endlich unsere Arbeit im Fahrdienst als Schichtdienst an und gewährt uns die damit verbundenen Vorteile!“ Wenn Ihr ebenfalls dieser Meinung seid, stellt laut und deutlich diese Forderung.

Überstunden werden im Fahrdienst erst ab der 16. Minute bezahlt. Sehr häufig sind aber Verspätungen von unter 15 Minuten - das ist unbezahlte Arbeitszeit, die außerhalb des Fahrdienstes kein Mensch kennt. Erklären kann diese Ungleichbehandlung - außer einigen innovativen Arbeitgebervertretern - kein Mensch.

An alle Schichtarbeiter:
Die 4,5 prozentige Schichtzulage wird auf 105,85 Euro bzw.  die 7,5 prozentige auf 142,34 Euro begrenzt. Kann jemand diese unsinnige Limitierung erklären?  Bestimmt nicht. Weg damit!

Immer mehr Kollegen*innen verzichten auf Geld und arbeiten in Teilzeit. Weil sie zu viel verdienen? Wohl eher nicht. Die Belastung wird immer größer und die Restlaufzeit bis zum Renteneintritt immer länger. Das kann kaum noch einer durchhalten.

Entlastung könnte eine gute und berechtigte Forderung sein. Ob das eine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit, der Tagesarbeitszeit oder mehr freie Tage sein könnte ist offen.

Der Umgang mit den sogenannten leistungsgeminderten Beschäftigten wird immer unsozialer. Ein Unternehmen unserer Größe hat eine hohe soziale Verantwortung gegenüber seinen Beschäftigten. Fahrer, Schichtarbeiter oder Beschäftigte, die im Freien oder körperlich unter schwierigen Bedingungen arbeiten, müssen künftig wesentlich länger arbeiten, werden das aber kaum schaffen.

Das kann durchaus auch Beschäftigte in der Verwaltung treffen. Die fortschreitende Digitalisierung fordert permanente Anpassung an neue Systeme. Burnout ist programmiert.

Eine tarifvertragliche Lösung würde Sicherheit für langjährige Beschäftigte bedeuten. Klar kostet das Geld, aber wenn ein Mitarbeiter nach langer Firmenzugehörigkeit krankheitsbedingt gekündigt werden kann/wird, wenn die arbeitsvertragliche Leistung nicht mehr vollumfänglich erbracht werden kann, hat die Fürsorgepflicht des Unternehmens versagt. Ändern wir diesen Missstand und nehmen die Unternehmen in Verantwortung.

Die Urlaubsfreude wird mit Blick auf das Urlaubsgeld stark eingetrübt. Da würde es in Bezug auf die Verhandlungen viel Luft nach oben geben. Eine mögliche Forderung.

Von tarifvertraglichen Öffnungsklauseln profitieren hauptsächlich die Arbeitgeber. Als schlechtes Beispiel dient die Verkürzung der gesetzlichen Ruhezeit von 11 auf 10 Stunden. Im Klartext: Weniger betriebliche Öffnungsmöglichkeiten, sondern mehr klare tarifliche Regelungen.

Alle genannten Forderungen sind nur wichtige mögliche Beispiele, die bundesweit von unzähligen Kollegen*innen gefordert werden.

Endlich haben wir eine Riesenchance Regelungen im Manteltarifvertrag zu ändern, die uns schon lange stinken. Wir zählen auf Eure Rückmeldungen und Anregungen, ob Euch diese Beispiele ansprechen und/oder weitere genannt werden. Die Kampagnenbotschafter werden auf Euch zukommen. Sprecht sie aktiv an! 

Es hat lange gedauert, aber mittlerweile begreifen sogar die schwerfälligsten Personalverantwortlichen, dass es immer schwieriger wird gutes Personal zu finden. Signifikante, daraus resultierende Verhaltensänderungen können jedoch nur sehr selten beobachtet werden.

Liebe Arbeitgebervertreter, mit der Tarifkampagne TV-N 2020 bekommt ihr eine großartige Chance die Rahmenbedingungen spürbar zu verbessern. Bezahlt endlich den Gegenwert unserer Arbeit. Lasst die leeren Floskeln um familienfreundliche Rahmenbedingungen - lebt es endlich und hört auf Ausreden zu finden, warum etwas nicht geht. Sollten wir wichtige Forderungen nicht bedacht haben - lasst uns wissen, an welcher Stelle Ihr mehr geben wollt...:-)  

Liebe Kolleginnen und Kollegen, jetzt werden viel von Euch denken: „Packen wir das?“ Ein Ergebnis von Tarifverhandlungen kann niemand vorhersagen, aber es gibt keinen besseren Zeitpunkt. Der Arbeitsmarkt ist ein Arbeitnehmermarkt.

Wie ist der zeitliche Ablauf?

Alle Forderungsbeschlüsse der Landestarifkommissionen müssen Ende März 2020 gefasst und an die Bundestarifkommission TV-N weitergegeben sein.

Die Bundestarifkommission TV-N beschließt die bundesweiten Forderungen.

Die Landestarifkommissionen können weitere eigene Forderungen beschließen, die auf Landesebene parallel verhandelt werden.

Ab April 2020 sind erste Verhandlungen möglich.

Ab 01. Juli 2020 sind wir außerhalb der Friedenspflicht.

Alle weiteren Schritte sind vom Fortschritt der Verhandlungen abhängig.

 

Wir haben jetzt die historische Chance zu klotzen - nicht zu kleckern.

Nicht nur meckern - mitmachen - jeder ist aufgefordert sich aktiv einzubringen, um die eigenen Arbeitsbedingungen zu verbessern.

Die Zeit ist reif! Wenn nicht jetzt - wann dann?

 

Klaus Felsmann
SSB Stuttgarter Straßenbahen AG
Freigestellter Betriebsrat / Vorsitzender der Bundesfachgruppe Busse und Bahnen